AUS EINEM GUSS - zum 100jährigen Bestehen

Über hundert Jahre Leipziger Bronzebildgießerei Noack bedeuten vier Generationen einer Leipziger Firmen- und Familiengeschichte, in der die Firma stets vom Vater auf den Sohn übergeben wurde: von Traugott Noack (1865-1941), der das Unternehmen am 1. Juli 1899 gründete, über Fritz Noack (1904-1981), Gerhard Noack (geb. 1931) bis zu Bert Noack (geb. 1964), der seit 1992 die Firma leitet.

Die Firmengeschichte wird markiert - von Anfang an bis heute - von exzellenten Auftragsarbeiten hervorragender Künstler, zum Beispiel Carl Seffner, Max Klinger, Kurt Kluge, Matthleu Molitor, Hans Zelssig, Walter Arnold, Rudolf Oelzner, Theo Bälden, Gerhard Geyer, Wieland Förster. Jenny Mucchi-Wiegmann, Wolfgang Mattheuer und May Marx, um nur einige Namen zu nennen. Bedeutende Leistungen der Werkstatt erscheinen bis heute bestimmend im Stadtbild Leipzigs und andernorts, so zum Beispiel das Goethe- oder das Bach-Denkmal in Leipzig, die von Traugott Noack gegossen wurden. Neben dem Bronzeguß als eigentlichem Schwerpunkt ihres Wirkens ist das Unternehmen seit dem zweiten Weltkrieg zugleich als Partner von Restaurierung und Denkmalpflege gefordert. Bemerkenswert ist auch der Fakt, daß historische Bronzegußtechniken, die anderswo längst unwiederbringlich verloren sind, in Leipzig noch gepflegt und mitangewendet werden. Zahlreiche Werke wurden in Museumsbestände aufgenommen. Die Ausstellung und die vorliegende Schrift zeugen vom hohen Leistungspotential der Leipziger Gießhütte, geben aber auch Anlaß, Dank zu sagen an alle Beteiligten für die konstruktive und gute Zusammenarbeit.

Prof. Dr. Arnold Vogt

Gussszene in der Bronzebildgiesserei Noack in LeipzigDer "Bronze" genannte Werkstoff ist ein vom Menschen künstlich erschaffenes Material, entstanden durch Verschmelzen verschiedener Metalle. Die Hauptbestandteile sind Kupfer und Zinn im Verhältnis von 85 - 95 % zu 7 - 10 %. Je nach Art der zu gießenden Gegenstände treten noch Zink und Blei hinzu. Seit Beginn des dritten vorchristlichen Jahrtausends, also seit der so benannten „Bronzezeit", haben Metallkünstler verschiedenste Mischungsverhältnisse der genannten Metalle in Ihren jeweiligen Anteilen erprobt und für die Zwecke des Glocken- wie des Gefäßgusses, für die Stückgießerei der Geschütze und vor allem für den Bildguß von Statuen, Kleinplastiken, Reliefs, Medaillen und Plaketten zu nutzen gewußt. In den Gießwerkstätten wird unterschieden zwischen Rotguß als dem besten Material für den Kunstguß mit einem Kupferanteil von etwa 86 %, wozu 7 % Zinn, 5 % Zink sowie 2 % Biel treten, und Gelbguß mit einem Verhältnis von Kupfer zu Zink von etwa 52 % zu 48 % - diese Legierung ist besser unter dem Namen „Messing" bekannt - oder dem Glockenmetall mit einem Zinngehalt bis zu 25 %. Ist der Zinkanteil sehr hoch, wird von Weißguß gesprochen. Für den Guß von Plaketten und Medaillen hingegen kann der Kupferanteil über 90 % liegen. Bei einer Temperatur von etwa 1150 Grad Celsius, wird die Legierung In die Gußform geleitet. Ob der Guß gelingt oder ob er fehlerhaft ausfällt, hängt von der technischen wie handwerklichen Sicherheit des Gießers ab. Deshalb Ist es als besonderer Glücksumstand zu bezeichnen, wenn in einer Gießhütte Kenntnisse und Erfahrungen von Generation zu Gene ration weitergegeben werden können, wie dies auf die Bronzebildgießerei T. Noack in Leipzig zutrifft, in der gegenwärtig bereits die vierte Generation tätig ist: Traditionsbewusstsein paart sich mit Neuerungen, die nicht allein im Einsatz moderner Untersuchungs- und Prüfmethoden wie auch moderner Lasertechnik im Bereiche der Restaurierung bestehen, sondern auch in der Wiederbelebung ungebräuchlich gewordener Gußtechniken, wie beispielsweise des Wachsausschmelzverfahrens. Gewiss ist der Bronzegießer ein Handwerker, der nicht selbst schöpferisch tätig wird, doch ohne Einfühlungsvermögen In die Intentionen des plastisch arbeitenden Künstlers, der das in Bronze zu übertragende Modell geschaffen hat, vermag am Ende des Fertigungsprozesses kein optimales Ergebnis zu stehen. Der Kunstguß ist ein kunstschaffendes Handwerk, in dem der Gießer als gleichberechtigter Partner neben dem Künstler steht, und Im Falle eines Gusses Im Wachsausschmelzverfahren aus „verlorener Form" ist allein sein Werk das eigentliche Original. So verwundert es nicht, wenn in vergangenen Zelten Gießer ihre Arbeit nicht allein mit ihrem Namen kennzeichneten, sondern stolz hinzufügten „fudlt" - hat es gegossen -, und daß Ihr Ruhm so nachhaltig war, daß darüber der Name des Bildners in Vergessenheit geriet, wie im Falle des von Andreas Schlüter geschaffenen Modells zum Berliner Reiterdenkmai des Großen Kurfürsten geschehen, das Johann Jacob! im Jahre 1700 gegossen hatte. Seit mehr als hundert Jahren ist es hingegen eher die Regel, daß der Name des Gießers hinter den des Künstlers zurücktritt, der das Modell schuf und auch den fertigen Guß mit seinem Namen kennzeichnete. Die Gießer oder die ausführende Gießhütte bleiben häufig unbekannt und sind oftmals, selbst bei Arbeiten aus dem 20. Jahrhundert, nicht mehr zu ermitteln. So bleiben entscheidende Stufen jenes arbeitsteiligen Prozesses, an dessen Ende erst das „eherne" Werk steht - das allein schon durch seinen erzenen Charakter lange Dauer seiner Existenz suggeriert -, dem allgemeinen Bewusstsein wie dem speziellen Fachkenner verborgen, und die Leistung des Bronzegießers wird nicht oder nur ungenügend gewürdigt.

Geschäftskarte um 1910Seltene Ausnahmen, wie die der hundertsten Wiederkehr der Gründung der "Leipziger Gießhütte für Bildguß" durch Traugott Noack am 1. Juli 1899, bieten Gelegenheit zum genaueren Kennenlernen einer Werkstatt, in der Statuen wie Kleinplastiken, Reliefs, Medaillen und Plaketten in Bronze, in Eisen und Aluminium, auch in Gold und Silber gegossen werden, in der auch sakrales Gerät entstand. Zum Zeitpunkt der Werkstattgründung bestand in Leipzig weder eine Bildgießerei noch existierte eine Tradition des Bronzebildgusses. Bauschmuck und denkmalhafte Plastik war vor allem Steinskulptur, wofür in Leipzig seit der Gründung der Kunstakademie im Jahre 1764 eine lokale Entwicklungslinie nachweisbar ist. Alle Erzbildwerke, die in der Stadt seit Mitte des 19. Jahrhunderts Aufstellung fanden, entstanden deshalb in Werkstätten außerhalb, in Nürnberg, Berlin, Dresden oder in Lauchhammer. Zwar hatte die deutsche Bildgießerei des 19. Jahrhunderts von Berlin aus ihre Entwicklung genommen, doch standen am Beginn des seinerzeitigen Bildgusses jene Eisenkunstgüsse von Statuen, die ab 1775 zunächst im Wachsausschmelzverfahren in der Gießhütte des Lauchhammerwerkes und ab 1784 durch Verwendung von Lehmformen geschaffen wurden. Durch den Bildhauer Christian Daniel Rauch wurde 1838 auch der Bronzeguß in Lauchhammer eingeführt, zuerst als Guß kompletter Modelle und dann durch Ernst Rietschel in der modernen, aus Frankreich übernommenen Technik des Sandgußverfahrens mittels geteilter Formen. Dadurch wurde Lauchhammer zu einer der leistungsfähigsten Gußwerkstätten des 19. Jahrhunderts in Deutschland, und als Traugott Noack dort zwischen 1880 und 1884 seine Lehre als Kunstgießer absolvierte, begann von Lauchhammer aus die Renaissance des seit der Antike geübten Wachsausschmelzverfahrens für den Bildguß, das zeitweise vom Sandgußverfahren verdrängt worden war. Die neue „Leipziger Gießhütte für Bildguß" wurde anfangs gemeinsam von dem Kunstgießer Traugott Noack und dem Ziseleur Paul Brückner betrieben. Damit konnten von Beginn an die Ansprüche der zeitgenössischen Plastiker an einen vollendeten Bronzeguß erfüllt werden, die nicht nur die chemische Entfernung der Gußhaut und das Verputzen der Gußnähte wie der Gießkanäle betrafen, sondern oftmals auch die nahezu vollständige Überarbeitung der Oberfläche des Bildwerkes - und das waren Anforderungen an den Ziseleur. Besonders wichtig wurde dessen Mitarbeit bei den großen Silbergüssen, die zwischen 1905 und 1910 nach Modellen Max Klingers als Tafelaufsätze für das Neue Rathaus geschaffen wurden. Hatte die Werkstatt zunächst für junge Bildhauer gearbeitet, die sich in Leipzig ansiedelten, so festigte sich ihr Ruf vor allem seit 1902, als Max Klinger, der führende Bildhauer in Leipzig, Aufträge an die Gießhütte Noack und Brückner zu vergeben begann. Bis zum ersten Weltkrieg wurden sodann die wichtigsten Gußvorhaben für öffentliche Monumente in Leipzig von dieser Werkstatt realisiert. So entstanden nach Entwürfen von Carl Seffner das Goethe- wie das Bach-Denkmal, nach Modellen von Werner Stein und Josef Magr wurden der Mägde- wie der Märchenbrunnen ausgeführt.

Im Jahre 1920 wurde die Werkstatt in die Kochstrasse 26 verlegt, wo sie sich noch heute befindet, und gleichzeitig wurde Traugott Noack alleiniger Firmeninhaber. Ihm gelang es, die Firma durch die schwierigen Jahre der Inflation zu steuern und sogar gemeinsam mit seinem Sohn Fritz die Weltwirtschaftskrise zu meistern. Als dieser 1931 die Gießerei übernahm, war deren Ruf so gefestigt, daß nahezu alle In Leipzig tätigen Bildhauer und Plastiker ihre Aufträge zum Guß von Bronzestatuen wie von Kleinplastiken, von Medaillen und Plaketten an die Bildgießerei T. Noack vergaben und das den Altmeistern die jungen Künstler folgten, die an der Kunstgewerbeschule ihre Ausbildung erfahren hatten.

ZumNicht wenige Arbeiten der Werkstatt wurden jedoch kurz nach ihrer öffentlichen Aufstellung von ihren Standorten wieder entfernt und 1942 zur Einschmelzung für Kriegszwecke bestimmt. Ganz gewiss waren die Jahre, als Fritz Noack die Werkstatt führte, die schwierigsten ihrer bisherigen Existenz, galt es doch die kriegsbedingte Schließung der Werkstatt, verbunden mit der Einberufung des Inhabers zum Militär, und die Teilzerstörung der Produktionsräume im zweiten Weltkrieg ebenso zu meistern wie den Wiederaufbau nach dem Ende des Krieges und den Neuanfang unter total veränderten Bedingungen. Zu diesen gehörte die Zwangsbewirtschaftung der Bronze ebenso wie die Einholung von Gussgenehmigungen quasi für jeden einzelnen Auftrag sowie die Einarbeitung auf neue Aufgaben, die vor allem denkmalpflegerischer Art waren, wozu zuerst die Beseitigung der Kriegsschäden am Mende- wie am Mägdebrunnen gehörten.

Ziselierarbeiten an einem Bronzeguß nach Modell von M. Alf Brumme, um 1939Neben der ständigen Pflege öffentlicher Monumente begann hier eine Aufgabe für die Werkstatt, die in der Gegenwart zu einer ihr Leistungsprofil mitbestimmenden geworden ist. Neben wichtigen Aufträgen für Denkmale nach Entwürfen von Walter Arnold für Leipzig oder Gerhard Geyer für Weimar wurden Medaillen in großer Zahl unter anderen nach Entwürfen von M. Alf Brumme, Bruno Eyermann oder Gerhard Lichtenfeld - gegossen. In der dritten Periode der Werkstatt, seit 1969 Gerhard Noack deren Leitung übernahm, gelang es, durch die außerordentliche Qualität ihrer Arbeiten einer Verstaatlichung zu entgehen, sie als Ausbildungsstätte für den Nachwuchs zu profilieren und für sie durch die Anerkennung des Firmeninhabers als „Kunstschaffender im Handwerk" eine Einstufung in die Kategorie seltener kunsthandwerklicher Fertigkeiten zu erreichen, die es quasi vor dem Aussterben zu bewahren galt. In ungleich geringerem Umfang jedoch konnten Aufträge für öffentliche Monumente an die Gießhütte vergeben werden. Zu diesen gehört der Erstguß von Wolfgang Mattheuers „Jahrhundertschritt" für Halle ebenso wie die Figurenreihe „Unzeitgemäße Zeitgenossen" nach einem Modell von Bernd Göbel. Der Guß, im Auftrage der Stadt Leipzig ausgeführt, stand seit 1989 vollendet in der Werkstatt. Bis zur Aufstellung sollten jedoch noch Jahre vergehen. Unter Gerhard Noack erweiterte die Firma ihr Leistungsprofil Insofern, als nun auch häufiger Aufträge für Nachgüsse auszuführen waren. Zu nennen sind Güsse nach Modellen von Max Klinger für die Stadt Leipzig wie für das Museum der bildenden Künste. Letztgenannte Aufgabe steht heute in der vierten Generation gleichberechtigt neben Erst- und Auflagengüssen nach Modellen zeitgenössischer Bildhauer des In- wie des Auslands und der Erfüllung denkmalpflegerischer Aufgaben. Auch wird wieder das Wachsausschmelzverfahren neben dem traditionellen Gießen in Formkästen gepflegt und experimentell gearbeitet an Gußcollagen, wie dem Abformen und In-Metall-Umsetzen beispielsweise von Holzskulpturen. Die Wege in das zweite Jahrhundert der Leipziger Bronzebildgießerei T. Noack sind an der Schwelle zum dritten Jahrtausend geebnet.

Mögen sie erfolgreich beschritten werden.

Rainer Behre